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Die goldene Stunde


Es ist ein warmer Juni-Tag und die letzten Sonnenstrahlen kitzeln das runde Katzengesicht. Das kann ich sehen, weil diese pummelige Fellnase dann immer ihre Schlitzäuglein noch weiter zusammen kneift, fast so, als würde sie dazu auch einen Spitzmund formen. Niemals aber den Blick abwenden; jeder Sonnenstrahl muss genossen werden.


Ich atme tief ein - und aus - schließe die Augen.


Kannst Du die Amseln singen hören? Das Rotkehlchen sitzt im Baum gegenüber und trällert ganz aufgeregt. Aus der Ferne hört man wie sein kleiner gefiederter Freund zu antworten versucht. ‚Es ist Sommer!‘, pfeifen die Vögel von den Dächern.

Ein Rabe mischt sich unter das Vogelvolk und die Schwalben fliegen heute tief. Wenn ich die Augen noch einmal fest schließe und mich nur auf das Rauschen des Windes in den Baumkronen, den Gesang der Vögel konzentriere, könnte ich fast glauben mitten in der Natur, mitten im Urwald zu sein.

Ich mag das Rauschen des Windes. Er greift kräftig in die langen Äste der Tanne gegenüber. Das erinnert mich an Sommertage im Schrebergarten meiner Großeltern. An die pieksigen Nadeln unter meinen Füßen, wenn man unter der Tanne hindurchgeschlüpft ist und an den vertrauten Geruch. Wenn der Wind diesen vertrauten Geruch so hinüber weht, da fühlt es sich noch heimischer an.

Er greift sich einen Ast des Amberbaumes. Saust hindurch und lässt die grünen Blätter rascheln. ‘Ich habe so lange gewartet bis Du ausschlägst dieses Jahr.’, höre ich mich denken.

Die kleinen zarten Blätter, die sich über den Sommer hinweg von einem leichten grün, bis hin zu einem tiefen dunkelgrün verfärben; bis ihnen der Spätsommer ein leichtes rot einhaucht. Eine Wonne, dieses Naturschauspiel.

Ein kleiner Spatz hat sich in den Baum verirrt. Er schaut sich um, schaut links und rechts und flattert weiter. Dabei wippt der schmale Ast noch eine ganze Weile nach…


Es ist schön soviel Lebendigkeit in den Blättern, den Ästen zu sehen.

Tiere, die sich tummeln. Vögel, kleine Marienkäfer die einen Reigen tanzen. Eine Spinne die ihr Netz webt. Allesamt im Einklang miteinander.

Die Sonne versteckt sich allmählich hinter den großen Blättern, blinzelt hindurch wo das Blattwerk noch nicht dicht ist. Haucht dem satten grün einen goldenen Schimmer ein und taucht den Garten in weiches Licht.

Ein Lächeln huscht über meine Lippen und ich atme hörbar aus.


Und ich freue mich - freue mich darüber, dass dieser große Baum soviel Bedeutung hat. Dass zwei kleine Seelen ein Zuhause gefunden haben, dass die Natur immer wieder in’s schönste Licht rückt. Danke, dass ihr acht gebt auf Euren kleinen Bruder. Ihm Schatten spendet, wenn es warm ist und ihn in den Schlaf singt zusammen mit dem Wind und den Vögeln. Danke, dass es Euch gibt.

Die Sonne verschwindet am Horizont und die ersten Grillen stimmen ihre Lieder an. In weiter Ferne kann man den Kuckuck ein paar letzte Klänge rufen hören.

Ein warmer Juni-Tag neigt sich dem Ende und das pummelige Fellnäschen ist schon in’s Land der Träume verschwunden. Sie schnarcht entsetzlich unromantisch.

Es fällt ein letzter Blick auf Eure imposanten Blätter.

Ich schließe die Tür hinter mir und leise murmelt eine Stimme: Gute Nacht.


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