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Magisch

"Ich will, dass die Zeit stehen bleibt", flüstere ich. "Wir nehmen einfach die Batterien aus der Uhr", entgegnetest Du.



Your words in my memory Are like music to me

I'm miles from where you are, I lay down on the cold ground I, I pray that something picks me up And sets me down in your warm arms.



Sanft umgarnen meine sanften Fingerkuppen das raue Elfenbein der Klaviatur. Jede noch so zermürbte Taste erbebt unter meinen kreisenden Bewegungen und ich wünschte dieser Moment der von Trägheit, von Liebe und Leidenschaft nur so trieft würde ewig anhalten. -

"Ich will, dass die Zeit stehen bleibt", flüstere ich.

"Wir nehmen einfach die Batterien aus der Uhr", entgegnetest Du.

In diesem Augenblick, der nur einen Wimpernschlag zurückliegt, fühlte ich mich frei, geborgen, beflügelt und vielleicht sogar etwas angetrunken; obwohl ich nicht einen Tropfen Alkohol im Blut habe. Ich bin die Löwin und Du der Wolf. Sonne und Mond. Hell und Dunkel. Licht und Schatten.

Die Achtelnoten schleifen mein Herz erneut durch diese Gefühlsachterbahn, vorbei an Deinem scharfen Schwert. Im Kampf um deine Freiheit, Ungezwungenheit, Herrschaftslosigkeit und um dein Herz, hast du es aus der Scheide gezogen und im fahlen Mondlicht emporgehalten. Dabei diese feurige Glut in deinen Augen, der instinktive Wille die Welt zu sehen, zu fühlen, zu schmecken, zu hören oder zu riechen - ich mag das.

Der tiefe Neid kriecht aus meinen Adern, durch die das Blut rauscht wie ein Wasserfall. Mein Herz schlägt so stark gegen meine Brust, dass ich den Höhepunkt der Musik fast vergesse zu betonen. Immer wieder schlage ich die Dissonanzen auf die Elfenbeintasten und werde dabei ganz rot.; Vor Erregung und vor Ehrfurcht der Noten gegenüber.

An diesem Höhepunkt waren wir schon einmal gemeinsam. Du, als Du mich batest das Kinn zu heben, den Blick zu halten und dabei auch noch lächeln - schier unmöglich für eine Meisterin des künstlichen Lächelns. Eine Meisterin der Fassade, der starken Gestikulation und einer ausdrucksstarken Mimik. Eine Meisterin der Mauern und Türme, Verließe und Verstecke. Du aber wolltest dieses ehrliche Lächeln, dass ich schon vollkommen vergessen hatte. Dieses Lächeln, dass meine Augen glitzern lässt und mein Gesicht entspannt. Du wolltest, dass ich durch meine Seele spreche- mit meinen Augen.

"Ich wollte durch den Sucher in dein Herz blicken", beichtest Du wenig später.

Magische Momente hatten wir innerhalb kürzester Zeit so unendlich viele. Wir haben gemeinsam über grundlegende Dinge philosophiert und feststellen müssen, dass da Parallelen erscheinen, die man mit bloßem Auge kaum sieht. Annähernd wie ein Spinnennetz, dass man nur bei Nebel erkennen kann, wenn sich die kleinen Wassertropfen in den klebrigen Fäden festsetzen. Längst sind wir über alltägliche Themen wie Interessen und Lieblingsessen hinaus. Angekommen in der Zukunft, in den Träumen des anderen, jagen wir von einer anspannenden Diskussion zur nächsten und reden uns in Rage...

Bis auch da die Zeit uns einholt und wir nicht einfach die Batterien aus der immer tickenden Lebensuhr entfernen können. -

Die letzten Töne hallen nach und ich befreie mich aus der angespannten Körperhaltung, strecke vorsichtig meine Rücken durch und blicke auf. Mein klarer Blick fällt in deine kastanienbraunen Augen. Wie sie voller Neugierde durch mich hindurch zu blicken versuchen. Auf der Suche nach Antworten. Berührt versuche ich aufzustehen um Dir in die Arme zu fallen, aber mein Geist hängt noch zu sehr in dem Stück. Beruhigend setzt du dich neben mich und legst meinen Kopf an deine Brust, während der Klang noch immer in unseren Köpfen nachklingt. Mit geschlossenen Augen versuche ich die Tränen zu vergessen, die unweigerlich an meinen heißen Wangen herunterrinnen und sich an meinem Hals, zwischen meinen Brüsten trennen um schlussendlich an meinem Wollpullover zu versiegen. Zärtlich streichst Du mir die letzte Strähne aus dem Gesicht und hälst mich einfach. Schon ewig fehlte mir diese selbstlose Nähe und diese innerliche Ruhe die Du ausstrahlst. Unausweichlich kommt mir eines unserer Treffen in den Sinn; Du hast mich so ruhig gestellt wie es niemand vorher schaffte. Für jeden war ich die unzähmbare Löwin, die sich kämpferisch verstellt und ihr Herz verschlossen hat. Eine Löwin mit unzähligen Narben an den Armen und Pranken. Ein starkes Tier, dass in dem Moment so schwach wurde und dennoch soviel Verbissenheit aufwies. Glaubt man den alten Geschichten und Sagen aus dem Mittelalter über die unzähmbaren Wildpferde Schottlands, so hätte die Löwin auch ein Araber sein können, der aufgezogen im Hochland seinen Dickkopf durchzusetzen ersucht und nur von einem Menschen reinen Herzens gebändigt werden kann.

Du hast ein reines Herz. Du hast mich gebändigt. Der Wolf in Dir, der Mond bändigt die Sonne, die Löwin, das Pferd.

Aus meinem Kummer wurde dein Kummer und geteiltes Leid, ist halbes Leid.

Gemeinsam richten wir unseren Blick der Zukunft entgegen. Einer Zeit ohne goldenen Käfig, ohne Schloss vor dem Herzen, ohne Zwanghaftigkeit und ohne Einschränkungen. Es bleibt der letzte Ton, die letzte Harmonie und zwei Körper; der Eine hell, der Andere dunkel. Einmal Sonne und einmal Mond. Einmal laut und einmal leise. Und gemeinsam bilden sie einen Kreislauf. Den Kreislauf der ewigen Magie. Magie, die Zeit anzuhalten wann immer es der richtige Zeitpunkt ist.


Sorgfältig setzt du die Batterien in das Uhrwerk zurück.

Das Ticken beginnt von Neuem... aber diesmal anders; lebendiger, magischer, gewürzt mit einer Prise leidenschaftlicher Freiheit.


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